Geschlechtervielfalt* in der Suchthilfe

Eine gendersensible Ausrichtung der Suchthilfe berücksichtigt weibliche und männliche Sozialisations- und Biographieverläufe, Konsummuster und Unterstützungsbedarfe. Der hetero- und cisnormativ ausgerichtete Blick auf Geschlechtlichkeit, Sexualität und Sucht reicht jedoch längst nicht mehr aus, um der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt der Klient*innen des Suchthilfesystems und ihren individuellen Lebenslagen und Unterstützungsbedarfen  gerecht zu werden.

Seit 2024 beschäftigt sich die Landefachstelle nicht mehr ausschließlich mit frauenbezogener* Geschlechtervielfalt in der Suchthilfe, sondern blickt auf alle Geschlechter. Dies ist ein Prozess. Folgend werden die bisherigen Ausarbeitungen der Vergangenheit dargestellt, sowie die Pläne für die kommende Jahre.

Ausgangslage queere Menschen und Substanzkonsum

Für den deutschsprachigen Raum liegen kaum Forschungsergebnisse zu den gesundheitlichen Auswirkungen von erlebter Beschämung, Diskriminierung, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit vor. Hinweise gibt es jedoch durch eine Vielzahl anglo-amerikanischer Studien, in denen gezeigt wird, dass und wie sich strukturelle gesellschaftliche Stigmatisierung auf die Gesundheitssituation und die Sterberate von Menschen auswirkt, die zu so genannten sexuellen Minderheiten zählen.

Gisela Wolf (2017) beleuchtet in ihren Analysen den Zusammenhang von problematischem Substanzgebrauch in queeren Communitys mit seinen gesundheitsbelastenden Auswirkungen und dem Leben in einer diskriminierenden Gesellschaft. Sie verweist auf eine anglo-amerikanische Studie, die anhand eines so genannten minority stress modells die Zusammenhänge zwischen Substanzgebrauch und Stigmatisierungserfahrungen aufgrund diverser sexueller Orientierungen systematisiert und empirisch belegt: „Die chronischen Belastungen durch Marginalisierung, Diskriminierung und heterosexistisch begründete Gewalt machen bei Lesben und Schwulen ein sorgsam überlegtes Identitätsmanagement notwendig.“ (Wolf 2017: 33) Hinzu kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen durch direkte körperliche, emotionale und soziale Auswirkungen von Gewalt und Deprivilegierung. Letztere können in Extremfällen zu einer Selbstabwertung führen: „Die sogenannte internalisierte Homo- oder Transnegativität stellt eine solche Innenwendung der erfahrenen Ausgrenzung, hier aufgrund der eigenen homosexuellen Orientierung oder Transgeschlechtlichkeit, dar. […] Substanzgebrauch kann in diesem Zusammenhang als körpernahe Möglichkeit begriffen werden, um die aus Marginalisierungs- und Gewalterfahrungen resultierenden negativen Gefühle zu bewältigen.“ (Wolf 2017: 34-36)

Quelle: Wolf, Gisela (2017): Substanzgebrauch bei Queers. Dauerthema und Tabu. Hirschfeld-Lectures 12, Wallstein-Verlag
Interview: “ In der Szene wird zu wenig über Drogenkonsum diskutiert“

Aktivitäten der Landesfachstelle Familie, Geschlechtervielfalt und Sucht BELLA DONNA zum Thema

Um sich sinnstiftend, strukturiert und effektiv allen Geschlechtern zu widmen, wird die AG Geschlechtervielfalt (Ursprünge s.u.) neu formiert. Ziel ist es, im Laufe der Zeit alle Geschlechter im Kontext Suchthilfe zu betrachten und Bedarfe der Suchthilfelandschaft NRWs zu ermitteln.

Bisherige Aktivitäten zum Thema:

Auf der Jahresversammlung des „Bundesverbands der feministischen Suchthilfeeinrichtungen in Deutschland“ 2019 in Essen wurde die Frage diskutiert, ob und wie feministische Suchthilfeeinrichtungen ihre Angebote für weiblich-queere Menschen öffnen sollen und können. Denn klar ist: Die betroffenen Menschen sind mit ihren individuellen Unterstützungsbedarfen in der Suchthilfe angekommen, gleichzeitig fehlt es dieser in der Regel an bedarfsgerechten Angeboten. Innerhalb der feministischen Suchthilfeeinrichtungen besteht Konsens darüber, dass das Angebot eines Schutzraums für heteronormativ sozialisierte Cis-Frauen erhalten bleiben muss und eine hohe Wichtigkeit hat. Gleichzeitig wird gesehen, dass beispielsweise auch trans* Frauen Schutzräume brauchen. Einrichtungen, die bereits Erfahrungen mit der Integration weiblich-queerer Menschen in bestehende Angebote haben, favorisieren den Weg von Dialog und Transparenz: Klientinnen und Klienten werden in Entscheidungsprozesse einbezogen, wenn es um die Frage geht, ob und inwieweit bestehende Angebote für diverse Menschen mit einer weiblichen Identität geöffnet werden.

Die Fachstelle Familie, Geschlechtervielfalt und Sucht BELLA DONNA wird in den kommenden Jahren ihre fachliche Unterstützung einer geschlechtersensiblen Vielfalt berücksichtigenden Suchthilfe intensivieren. Sie initiiert und moderiert im Jahr 2021 eine Arbeitsgruppe Geschlechtervielfalt. In der Arbeitsgruppe geht es im gemeinsamen Dialog mit Kolleginnen aus den ambulanten Suchthilfeeinrichtungen in NRW um die Klärung folgender Fragen:

1. welche Bedeutung Geschlechtervielfalt in der Suchthilfe hat und welche Kenntnisse erforderlich sind, um dem Thema im Suchthilfesystem angemessen zu begegnen,

2. wie die frauen*bezogene Suchthilfe den Anforderungen der Bereitstellung von Rückzugs- und Schutzräumen für Frauen und der Realität frauen*bezogener Geschlechtervielfalt gleichzeitig gerecht werden kann,

3. wie Prozesse zur Haltungs- und Entscheidungsfindung in Suchthilfeeinrichtungen konstruktiv angestoßen und umgesetzt werden können.

Die Arbeitsgruppe steht im Austausch mit dem bundesweiten Netzwerk der feministischen Suchthilfeeinrichtungen. Ziel sind Arbeitshilfen/Leitfäden für Suchthilfeeinrichtungen zur Erarbeitung einer einrichtungseigenen Strategie der Entwicklung von Angeboten, die queere Menschen einbeziehen. Darüber hinaus werden in Zusammenarbeit mit der Fachberatungsstelle „gerne anders NRW“ Fortbildungsangebote zum Thema Geschlechtervielfalt umgesetzt.

Kontakt

Landesfachstelle Familie, Geschlechtervielfalt und Sucht BELLA DONNA der Suchtkooperation NRW

Kopstadtplatz 24-25
45127 Essen (Innenstadt)
Eingang in der Heck-Passage, Etage 1a

Telefon: 0201-24 84 17-1
Fax: 0201-22 28 72
E-Mail: info(at)belladonna-essen.de

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