„Und alle so still“ – Warum feministische Kämpfe noch lange nicht verstummen dürfen

„Es ist gut, dass Frauen Sorgenotstände auffangen, dass sie sich an menschlichen Bedürfnissen orientieren und nicht an Macht, Profit und Wettbewerb. […] Es ist gut, dass sie sanft sind und zugewandt nud unterstützend. […] Frauen sollten sich das nicht abtrainieren, sie sollten nicht aufhören damit […], aber Männer sollten endlich damit anfangen. (Fallwickl, S. 238)

In Mareike Fallwickls Roman Und alle so still legen sich FLINTA * nieder: ihre Körper, ihre Lohnarbeit, ihre Care-Arbeit. Ein Streik, radikal und wortwörtlich. Fiktional – und doch erschreckend nah an einer Realität, in der feministische Forderungen zunehmend abgewehrt, entwertet oder in klischeehafte Debatten um „Teilzeit-Lifestyle“ und vermeintliche Rollenbilder umgedeutet werden. Wenn politische Akteur*inne (hauptsächlich Akteure) dabei Frauen, Töchter, instrumentalisieren, entsteht eine symbolische Bühne, auf der nicht über Gleichberechtigung gesprochen wird, sondern über die Disziplinierung eines normativen Weiblichkeitsbildes „Teilzeit-Lifestyle“.

Dabei stellt sich die Frage: Warum gehen FLINTA* immer wieder auf die Straße? Warum jährlich, warum unermüdlich? Studien der vergangenen Jahre zeigen eine wachsende Kluft: Während sich viele Frauen* progressiv positionieren, entwickeln sich Männer vermehrt in antifeministische – oft verharmlosend als „konservativ“ bezeichnete – Richtungen. Dieses Auseinanderdriften erschwert nicht nur gesellschaftliche Verständigung, sondern öffnet Räume für Abwehr, Abwertung und eine erschreckend stabile Kultur des Täterschutzes. Männer solidarisieren sich häufig miteinander, selbst dann, wenn Vorwürfe sexualisierter Gewalt oder Misogynie im Raum stehen. Opfer-, bzw. Betroffenenschutz bleibt dabei zu oft Randnotiz, wie etwa Debatten rund um prominente Fälle sexualisierter Machtstrukturen zeigen.

Nur wer debattiert über den eigentlich Kern? Wo bleibt ein umfassendes Präventionskonzept? Wo die strukturelle Arbeit, die nicht nur Symptome, sondern Ursachen adressiert?

Prävention bedeutet, Männer in ihrer Sozialisation mitzudenken – und zwar konsequent. Männliche Sozialisation ist kein Naturgesetz, sondern veränderbar. Es bedeutet, nicht nur zu reflektieren, solange es angenehm bleibt oder das eigene Verhalten unberührt ist, sondern auch dort, wo Selbstkritik unbequem wird. Ein gesamtgesellschaftlicher Wandel hin zu mehr Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung erfordert, dass diejenigen, die Macht besitzen, diese reflektieren – und verändern.

Wenn Fallwickls Roman also die Flinta* niedergehen lässt, dann ist das nicht Resignation, sondern eine radikale Form des Sichtbarmachens: Ein Innehalten, das zeigt, wie viel Arbeit FLINTA* tagtäglich leisten – und wie viel davon selbstverständlich erwartet wird.

Diese Stille ist ein feministischer Aufschrei.

Ein Aufschrei gegen Sprache, die Gewalt verschleiert.
Ein Aufschrei gegen Täterschutz und politische Instrumentalisierung.
Ein Aufschrei gegen Strukturen, die das Patriarchat stützen.
Und ein Aufschrei dafür, dass feministischer Widerstand nicht verstummen darf – nicht heute, nicht morgen, nicht solange patriarchale Macht versucht, unsere Stimmen zu brechen.